Salutogenese

Förderung von Gesundheit – Forschungsergebnisse

In der üblichen Medizin sind unüberschaubare Kenntnisse über die Entstehung von Krankheiten (Pathogenese) vorhanden. In der sog. Schulmedizin herrscht daher der Ansatz vor: Wie kann ich die Entstehung von Krankheiten vermeiden? Sicherlich: Dies ist wichtig, und ebenso wichtig ist es, früh eine einmal eingetretene Erkrankung zu erkennen, sie zu verstehen und ihr Fortschreiten zumindest zu bremsen, wenn nicht zu verhindern oder sie zur Ausheilung zu bringen.

Doch entsteht hierbei gleich die Frage: Kommt der Ansatz der Pathogenese nicht generell zu spät? Können wir nicht Krankheiten vor ihrem Entstehen verhindern? Wie bleiben wir denn gesund? Diese Fragestellung lässt sich mit den Ergebnissen der Salutogenese-Forschung beantworten.

Salutogenese befasst sich ganz im Gegensatz zur Pathogenese nicht mit der Frage: „Warum wird der Mensch krank“, sondern mit der Aufgabe: „Was hält uns gesund?“

Aaron Antonovsky (1923 – 1994), ein amerikanisch- israelischer Professor der Soziologe, entdeckte kurz nach dem 2. Weltkrieg bei ehemaligen KZ-Insassinnen, dass 29 Prozent unter ihnen völlig gesund waren, körperlich wie seelisch. Das Ergebnis überraschte ihn so sehr, dass er weitere Forschung anschloss: Was zeichnete dieses knappe Drittel an Frauen aus, dass sie eine der furchtbarsten Bedingungen, denen Menschen jemals ausgesetzt waren, heil überstehen konnten?

Diejenigen Eigenschaften, welche Antonovsky dabei ausfindig machte, nannte er Kohärenzsinn (sense of coherence). Darunter lässt sich die Fähigkeit verstehen, in jeder Lage die eigenen Ressourcen optimal aufzubauen und zu nutzen. Dann lassen sich selbst in schlimmster Bedrängnis hilfreiche, ja überlebenswichtige Kraftquellen auffinden.

Was lässt sich für uns daraus lernen? Es liegt auf der Hand, dass gerade in Zeiten familiärer, beruflicher, gesundheitlicher Bedrängnis uns Eigenschaften helfen können, die sogar die unvorstellbare Unmenschlichkeit von Zwangslagern noch überstehen helfen. Diese Eigenschaften werden unter dem Begriff „Resilienz“ (Wiederstandfähigkeit) zusammengefasst.

Schon bei Kindern lassen sich Unterschiede ihrer Resilienzfaktoren finden. Sehr optimistisch stimmt es, dass sowohl Kinder wie Erwachsene mit geringer Resilienz es lernen können, sie in sich selbst zu verstärken und damit auch größeren Belastungen mehr entgegensetzen zu können.

Kinder mit problematischer Kindheitsumgebung waren mit 40 Jahren in der Lage, Nachteile auszugleichen und konnten sogar resilienter werden als Erwachsene, denen vom Schicksal wenig abverlangt wurde. Wem also Resilienz fehlt, der kann sie sich erwerben!

Schon bei Kindern fielen folgende Eigenschaften auf:

  • hohes Selbstwertgefühl
  • Hilfsbereitschaft
  • Glaube daran, selbst etwas bewirken zu können
  • Jungs kamen aus einer Umgebung, in der sie Gefühle zeigen durften
  • Mädchen kamen aus Familien, in denen Unabhängigkeit gelebt wurde

Bei im mittleren Lebensalter stabilisierten Erwachsenen wurde festgestellt:

  • Lebenslange Bereitschaft zum Lernen
  • Formung durch Disziplin (von außen durch Militär oder durch Selbstdisziplin)
  • Beziehung/ Ehe mit einer stabilen Partnerin oder einem stabilen Partner
  • Hinwendung zu einer Glaubensgemeinschaft oder Kirchengemeinde, in der aktives Engagement verlangt wurde
  • Genesung von einer lebensbedrohlichen Krankheit oder einem Unfall
  • Psychotherapie (in einem geringeren Umfang)

Fazit:

Stark verkürzt geht es bei Salutogenese in allererster Annäherung nur um die alte Frage: Ist das Glas halb leer – oder ist es halb voll? Doch bei näherem Hinsehen geht es nicht nur um billigen Zweckoptimismus. „Think positiv“ – ja, das ist schon ganz gut, doch reicht Salutogenese viel weiter. Denn diejenigen Personen sind resilienter, die einerseits hohen Glauben an sich selbst besitzen, andererseits sich zugestehen, dass sie Hilfsbedürftigkeit leben dürfen. Dazu kommen die Bereitschaft zu Selbstentwicklung (auch mit Hilfe anderer) und der Entwicklung von Idealen (wie durch Religion, Fragen nach Transzendenz, Philosophie etc.) und wohl etwas wie eine Art von Lebenskunst oder Lebensklugheit, ja von Glück. Doch Glück braucht unsere aktive Unterstützung, sonst verlässt es uns. So sagte schon Friedrich der Große sinngemäß: „Ich brauche Offiziere mit fortune (Glück)!“ Wenn Glück eine Eigenschaft wäre, dann sollten wir sie fördern.

Wie machen wir unser Leben reich und wertvoll? Trotz – oder vielleicht sogar gerade wegen – der Belastungen, die uns geformt haben und uns reifen ließen, uns über unsere Grenzen zu gehen forderten, über unseren Schatten zu springen erlaubten?

„Keine Kunst, wenn man Glück hat“, wird mancher antworten. Vielleicht lässt sich Glück aber auch fördern, wie es Friedrich der Große meinte, als er gesagt haben soll: „Ich brauche Offiziere mit Fortüne!“ Ist Glück ist eine Eigenschaft? Dann sollten wir sie fördern.

Lassen Sie uns noch heute damit beginnen!