Betreuung von Gewaltopfern

Umgang mit Traumatisierungen – Was kann ich für Sie tun?

Im Kapitel über Salutogenese ist Ihnen vielleicht schon einiges aufgefallen, was Sie – wie so viele Menschen – betrifft, manchmal gar existenziell.

Haben vielelicht auch Sie Erlebnisse hinter sich, die Sie schwer belasten? Bei denen sich Ihre Zunge sträubt, sie auszusprechen? Wo Sie Sorge haben, dass „so etwas“ ohnehin niemand versteht? Oder jemand damit so belastet wird, dass Sie meinen, es ihm/ ihr nicht zumuten zu können/ zu wollen? Dann wären Sie tatsächlich in sehr guter Gesellschaft. Vielen Menschen geht es so.

Dann brauchen Sie vielleicht sehr dringend Hilfe. Wenn Sie sich ausführliche Gespräche mit einem Arzt wünschen, der auch Themen gut kennt, die Ihnen extrem schwierig oder sehr peinlich erscheinen, und der in der Lage ist, sich in Sie einzufühlen und Ihnen in aller Ruhe Rede und Antwort zu stehen, dann trauen Sie sich, bei uns einen Termin zu machen.

Auch Sie sind es wert, dass Sie sich – wie wir alle – selbst um sich kümmern, und es ist natürlich kein Zeichen von Unvermögen oder gar Versagen, wenn wir uns Hilfe suchen, wo wir nicht weiter kommen. Im Gegenteil: Wirklich souveräne Personen können es sich zugestehen, dass sie nicht alles vermögen, dass sie allein die Welt nicht retten können, sondern sie suchen sich sogar eher rasch Hilfe. Souveränität heißt also überhaupt nicht, selbst an jeder Front kämpfen zu müssen!

Meine Erfahrungen

Nach über fünfundzwanzig Jahren mit z.T. sehr schwer traumatisierten Patienten ist mir kaum etwas unbekannt geblieben, das Menschen zustoßen kann, und wenn wider Erwarten doch, so sehe ich mich in der Lage, darauf einzugehen, so wie mir dies bei neuen Themenbereichen in meiner langjährigen Praxis auch schon früher möglich war.

Bitte machen Sie sich klar, dass es vielleicht Vorgänge sind, die zwar Sie verständlicher Weise schwer belasten können, die mir aber aus anderen Patientenbegegnungen vermutlich gut bekannt sein werden und mir keineswegs peinlich sind. Im Gegenteil: Ich weiß um die Not derjenigen, die „das Unaushaltbare aushalten“ mussten und es – wie viele andere vor Ihnen – doch lernen können, sich über zunächst Unaussprechliches allmählich mittels Sprache (oder auch Ergo- Therapie, Kunsttherapie etc. ) zu erleichtern. Auch Sie können gewissermaßen über Ihren Schatten springen. Das können wir alle!

Dabei bleibt immer Ihre Selbstbestimmung im Zentrum meiner Bemühungen: Sie werden von mir niemals „zu Ihrem Glück gezwungen“! Denn das wäre sogar höchst kontraproduktiv. Nur motivieren möchte ich Sie, Ihre Seele zu erleichtern.

Besser verständlich wird mein Anliegen, wenn Sie (und auch ich selbst) auf „unser Inneres Kind“ achten lernen. Es braucht Hilfe wie jedes Kind, doch kein Überschüttet- Werden. Dass dabei Augenmaß erforderlich ist und weder Sie noch ich „mit der Tür ins Haus fallen“ oder „das Kind mit dem Bade ausschütten“ sollten, kann leicht verstanden werden. Vielleicht geht es eher darum, der Gefahr zu begegnen, dass Sie sich selbst überfordern dabei. Doch manchmal kann es tatsächlich auch hilfreich sein, sich rasch „alles“ von der Seele zu reden.

Keine Sorge:

Bevor Sie sich dabei allzu sehr verausgaben, frage ich Sie und auch mich, ob Sie (oder Ihr oder mein Inneres Kind) noch können und wollen oder besser an einem nächsten Termin fortsetzen wollen.

Alles dies können Sie verstehen als Arbeitsbasis für Menschlichkeit und „Herzenswärme“. Belastende Erlebnisse und Traumatisierungen werden typischer Weise als unmenschlich und „kalt“ erlebt oder wie eine Dampfwalze, die uns überrollt.

Diese Methode wie mit scheinbar gutem Willen fortzusetzen, nur um Ihnen zu „helfen“, ist eine Illusion, die allerdings oft realisiert wird und dann schaden kann. Es geht gerade darum, dies nicht mehr zuzulassen, dass auch „Gut Gemeintes“ Sie (und uns) wie eine Art Gehirnwäsche überschwemmen kann, die Sie (wie viele andere) aus Ihrer Vergangenheit in belastender Weise erlebt haben. „Gut gemeint“ ist eben noch lange nicht „gut gemacht“.

Wenn Sie sich jetzt positiv angesprochen fühlen sollten, machen Sie einen Termin – und trauen Sie sich, Ihr Anliegen anzusprechen, soweit Sie es für richtig erachten.

Bitte rechnen Sie damit, dass ein erstes fruchtbares Gespräch kaum unter einer halben Stunde gelingen kann. Es muss ja zunächst für Sie erfahrbar werden, dass „die Chemie stimmt“ und Sie sich auf die Situation in unserer Trigon – Praxis in gesunder Art so einlassen und öffnen können, dass Sie Ihre Selbstbestimmung nicht verlieren. Meist ist der Prozess dann so intensiv, dass eine Stunde wie im Flug zu vergehen scheint.

Gewaltopfer – sie erkennen und behandeln

Menschengemachte Gewalt ist häufig

Gewalt durch Menschen hat bei weitem schwerere Folgen als Unfälle oder Naturkatastrophen. 90 Prozent der infolge von Gewalt durch Menschen traumatisierten Gewaltopfer in Deutschland sind Frauen und Kinder. Männer werden seltener Opfer, doch sind bei ihnen die Folgen manchmal sogar noch schlimmer.

Daher wird mit Recht formuliert:

Es ist nicht die Frage, ob Professionelle im Gesundheitswesen Kontakt zu gewaltbetroffenen Frauen in ihrem Berufsalltag haben, sondern lediglich, wie sie diesen Kontakt gestalten. Quelle: www.gesine-intervention.de

Vom professionellen Umgang mit Gewaltopfern. Grundregeln:

Ernst nehmen. Gewaltopfer müssen ernst genommen werden, selbst wenn sie zunächst nur vorsichtige Andeutungen über ihre Traumatisierung wagen. Abwehrende Bemerkungen seitens ihrer Ärztinnen/ Ärzte werden von Betroffenen häufig zitiert. Sie zeigen jedoch, dass manche Mediziner in dieser weit verbreiteten Thematik unprofessionell vorgehen und überfordert sind.

Simulanten unter Gewaltopfern sind extrem seltene Ausnahmen! Im Gegenteil: Betroffene schämen sich – obwohl Opfer – häufig der von ihnen erlittenen Verletzungen und schweigen in sprachloser Einsamkeit über Jahre, ja Jahrzehnte. Durch abweisende Bemerkungen werden sie wieder in diesen Zustand zurückgestoßen. Das sollte als unmenschliches Verhalten eingeordnet werden, auch und besonders, wenn es von ärztlicher Seite kommt.

Mut. Jeder Arzt kann z.B. in Fortbildungen lernen, wie er den notwendigen Mut aufbringt, den belastenden Vorgeschichten von Gewaltopfern zuzuhören.

Wärme. Gewaltopfer waren menschlicher „Kälte“ ausgesetzt. Sie brauchen viel menschliche „Wärme“ in Form von Zuwendung, speziell seitens der professionell im Gesundheitsbereich Tätigen. Allein die heute allgemein in der ärztlichen Betreuung fehlende Zeit ist für Gewaltopfer unzumutbar.

Menschenwürde. Wir und unsere Gesellschaft sind dringend aufgerufen, Verbesserungen zu schaffen, damit den Betroffenen wieder zu ihrer Menschenwürde verholfen wird.

Gewaltfolgen:

„Gewaltkarriere“

Gewaltopfern, insbesondere Kindern, wird seitens der Täter signalisiert: „Mit dir kann man es ja machen!“ Dies erfolgt speziell bei Kindern in völlig unbewussten Schichten, doch umso folgenschwerer. Die Folge: mangelndes Selbstvertrauen bis in die Körpersprache, welche zur Folge haben kann, dass es zu erneuten Übergriffen kommt. Gewaltopfer durchlaufen daher nicht selten eine Art tragischer „Karriere“.

Gewalt macht krank.

In unzähligen Studien werden stark erhöhte Raten an allen den weit verbreiteten Krankheiten nachgewiesen, die wir Zivilisationserkrankungen nennen, wie z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Autoimmunerkrankungen und vieles mehr.

Hohe Kosten.

Die menschlichen Folgen sind somit noch weit verheerender als die finanziellen, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Ganz abgesehen von der primären Verpflichtung, Gewalt vorzubeugen oder, wenn sie doch eingetreten ist, rasch und umfassend Hilfe bereitzustellen, um zumindest die Folgen für die Opfer zu lindern, wäre die Gesellschaft gut beraten, Gewaltprävention und -bewältigung viel intensiver zu betreiben, um die extrem hohen Folgekosten zu vermeiden.

Dieser Aufgabenbereich wird auch heute noch sträflich vernachlässigt.

Betroffene mit o.g. Diagnosen benötigen zudem oft schwer belastende und sehr teure Behandlungen. Darüber hinaus sind extreme wirtschaftliche Verluste sowohl für den Patienten wie für seinen Arbeitgeber bzw. die Gesellschaft durch lange Arbeitsunfähigkeitszeiten wie häufige Frühberentung nachgewiesen.